Statement

Ich zeichne meine unmittelbare Umgebung, meine Alltagswelt. Zu zeichnen stellt für mich eine Möglichkeit dar, mich dieser Umgebung und mich in ihr zu versichern.
Dabei formuliere ich in meinen Arbeiten sinnlich Erlebtes als neu erfundene Bildelemente. Ich reduziere, verbinde, trenne und ordne. Gedachtes und Erinnertes formt sich neu - Metamorphosen entstehen, Eindeutigkeit verschwimmt.

draw a line

Die Zeichnungen von Jochen Schneider entstehen aus der Erinnerung. Erinnerungen sind schwer zu fassen. Sie sind nicht gegenstandslos - sie beziehen sich auf sinnlich Wahrgenommenes, haben aber keine materielle Gestalt. Wenn sie eine Form annehmen, müssen sie dabei zu etwas anderem werden. Ein Rückschluss auf die Situationen, Gegenstände und Bilder, von denen Jochen Schneider ausgeht, ist demnach nicht möglich.

Es gibt in den Zeichnungen Ebenen von Linien, Schraffuren und Flächen, aus denen sich Körper herausbilden. Diese können amorph oder eher geometrisch sein und an verschiedene Aspekte der Realität erinnern. Sie stellen niemals sicher benennbare Gegenstände dar. Als zeichnerische Elemente stehen sie in bestimmten Verhältnissen zueinander, darin sind sie Dingen vergleichbar. Man kann sie deutlich voneinander unterscheiden, ihre Position in Bezug aufeinander und evozierte Vorstellungen ihrer Dynamik benennen.

Der Bildraum, in dem sie auftreten, ist nicht nach realen Maßgaben konstruiert. Er läßt sich nicht logisch auflösen. Ansichten, die an Querschnitte durch organische Strukturen, und andere, die an Luftperspektiven erinnern, können gleichzeitig in ihm vorkommen. Es gibt viele Anspielungen auf landschaftliche Darstellungen, die den Eindruck erwecken, man würde irgendeine Art von Außenwelt betrachten; gleichzeitig erscheint diese Welt aber als nicht wirklich betretbare. Je weiter man sich in sie hineindenkt, desto stärker wird das Gefühl, keinen Platz in ihr zu finden. Sie bleibt fragmentarisch und widersprüchlich. Ihre Räumlichkeit scheint sich eher in einem selbst als Betrachter einen Platz zu schaffen und sich auszudehnen.

Es ist also schwer zu sagen, ob das, worauf man schaut, innen oder außen liegt – die Zeichnungen selbst weisen allerdings beharrlich darauf hin, dass man sich bei ihrer Betrachtung vor allem auf einem Blatt Papier befindet. Die Räume, die sich öffnen, verschließen sich immer wieder und kippen in die Fläche. Was auf den Blättern sichtbar wird, besteht aus Linien aus Graphit, die heller oder dunkler sein, Flächen aufbauen und die Illusion von Raum erzeugen können.

Hannah Regenberg, 2013

Vier x Zeichnung

Vier x Zeichnung: Der Ausstellungstitel bringt den gemeinsamen Nenner auf den Punkt. Und er multipliziert gleichzeitig mit dem kleinen zentral gesetzten x - so beiläufig wie präzise - die für diese Ausstellung gewählten zeichnerischen Positionen zu einem Vielfachen an Möglichkeiten und Ideen, die sich mit dieser „Königsdisziplin der Bildenden Kunst“ verbinden.

Mit den hier präsentierten Zeichnungen von Jürgen Kellig, Antje Pehle, Paula Schmidt und Jochen Schneider werden vier Positionen zweier Künstlergenerationen zusammengeführt. Alle vier nutzen die Zeichnung auf jeweils eigene Weise, um dem gewählten Format - in Einzelblättern oder Reihungen - unterschiedlichste Zeichen und Strukturen einzuschreiben und im Miteinander auszuloten. Punkte, Linien, Flächen, Räume und Zwischenräume öffnen einen unendlichen Kosmos an Ideen, die ihren Ursprung in der Natur, Gesehenem oder Erlebtem haben mögen oder – noch viel mehr und darüber hinaus - unsere Gedanken genau dahin zu führen vermögen, wenn wir uns aus nächster Nähe und / oder aus der Distanz auf diese so konzentrierten wie offenen Strukturen einlassen.

Zeichnen erfordert Konzentration und Nähe. Zeichnung ist Nähe und zeigt sich als unmittelbarer Ausdruck eines Gedankens. Im Kern einer Zeichnung gibt es nicht viel mehr als Punkt und Linie – wobei beides wiederum im Kern an die Fläche führt bzw. doch eigentlich Fläche ist oder eben ein Konzentrat all dessen. Genau in dieser Konzentration und den durch Multiplikation, Anfügung, Fortführung, Trennung, An- und Abschwellen von Linien, dem Öffnen, sich Verschließen, Hervor- und Zurücktreten von Punkten, Flächen oder linearen Gefügen liegt jenes immense Universum an Möglichkeiten, das sich zu jeder Zeit – mit unterschiedlichsten technischen Möglichkeiten – immer neu entdecken lässt.
Auf die Fläche gesetzt teilt die Linie den Grund, beschreibt eine Wegstrecke, zeigt Distanzen, um diese miteinander in Verbindung zu setzen. Ein Punkt, eine Linie definieren oder verorten Ausgangspunkt und Weg und werden auf kleinstem Raum zum „Ereignis“, das mit der Leere des weißen Blattes korrespondiert. Punkte und Linien, aneinander- oder nebeneinander gesetzt, wachsen zu Strukturen, werden zu Verzweigungen oder zu Umrissen, die Flächen begrenzen oder Räume öffnen, Bewegung oder Stille evozieren oder dem Papier den Anschein von Dreidimensionalität zu verleihen vermögen.

Unterschiedlichste Techniken, Materialien, Papiere ermöglichen feinste Modulationen, Farb- und Grauabstufungen - sei es Tusche, die sich in unterschiedlichster Sättigung mit dem Papiergrund verbindet und in zarten, lichten bis zu dunkelsten Tönen changiert (Jürgen Kellig), sei es Graphit, der sich zu metallisch schimmernden Flächen verdichtet und die Materialität dieses Werkstoffes mit der vorgestellten Form verbindet (Jochen Schneider), seien es diverseste (fetthaltige) Buntstifte, die sich im fein abgestimmten Zusammenspiel mit wasserlöslicher Tusche behaupten (Antje Pehle) oder kraftvoll und prägnant gesetzte, collagierte Farbflächen, die sich mit Graphit und Buntstift so systematisch wie frei verbinden (Paula Schmidt).

An dieser Stelle ein kurzer Blick auf die einzelnen Positionen dieser Ausstellung:

(...)

Ein Zeichner per se ist Jochen Schneider. DIN A4 Formate prägen das Werk. Eine aktuelle Auswahl ist hier in einer facettenreichen Reihung zu sehen, unterbrochen durch sein bisher größtes Format, das den bereits erwähnten metallischen Glanz der dicht an dicht gesetzten feinen Bleistift- bzw. Graphitstriche ein intensives Gewicht verleiht. „Gesehenes, Erlebtes, Erfahrenes, Gehörtes und auch Gelesenes geben den Anstoß zu meinen Zeichnungen“, so beschreibt es der Künstler. Was auf diese Weise im Gedächtnis bleibt, wird in seinen zeichnerischen Formulierungen „auf das Wesentliche reduziert und als Detail isoliert.“ Zu sehen sind vielschichtige Überlagerungen aus transparenten und dichten Formen, die an Blattwerk, Flügel, im weitesten Sinne an Natur erinnern mögen und in einem Moment des Wandels eingefangen sind. Gleichwohl lenkt jede Zeichnung durch ihre Schichtungen, Überlagerungen, Verschiebungen von dichten und offenen Formen weitere Metamorphosen in unser Blickfeld. So still und zart einzelne Schichten erscheinen, so kraftvoll, fast skulptural wirken ihre bildimmanenten Dialogpartner. Mit jedem Motiv wird ein neues Gleichgewicht aus divergierenden Elementen ausgelotet. Feine Liniennetze korrespondieren mit kompakten Flächen. Dunklere Flächen liegen wie lichte Schatten über skizzenhaften Umrissen, die dennoch Grenzen markieren, während die Flächen vergleichsweise frei zu fließen scheinen. Ein Sog kreisender Bewegungen zieht Linien in ein folgenreiches Dunkel oder entlädt sich auf eben diese Weise. Bewegung, Veränderung im Kleinen wie im Großen zeigt sich als subtiles Gefüge aus Überlagerungen in jedwede Richtung und löst Assoziationen an Natur im weitesten Sinne, an gesehene oder erinnerte Landschaft und Vegetation aus.

(...)

Ein vielschichtiger, leiser und nicht minder kraftvoller Dialog eröffnet sich mit diesen vier Positionen zum so archaischen wie klassischen und immer aktuellen Thema Zeichnung, dem gerade heute wieder mehr und mehr Bedeutung beigemessen wird. Mit dieser klugen und dichten Auswahl an Werken entfaltet sich eine umfassende Bandbreite und ein reiches Universum an so naturnahen wie abstrakt scheinenden Prozessen, die sich in unserem Bildgedächtnis festsetzen werden und – so wir uns einlassen - neue Spuren in unserer Wahrnehmung legen.

In diesem Sinne: viel Freude am Schauen.

Dr. Birgit Möckel

(aus der Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung 2011 in der Galerie ABAKUS, Berlin)   

Jenseits der Sprache

(...)

In den zarten Bleistiftzeichnungen von Jochen Schneider können wir spannende Parallelen zu Entstehung und Wirkung von Gedichten entdecken. Das gilt für den künstlerischen Schaffensprozess, für den hier die Suchbewegungen charakteristisch sind, ständige Überarbeitungen und Überlagerungen, das Sichtbarlassen der Spuren und die Verselbständigung der Formen; Parallelen finden sich aber auch im Ergebnis, hier in den Raumgespinsten von großer sinnlicher Präsenz, die sich klaren Zuweisungen entziehen und offen sind für Assoziationen und persönliche Gedächtnisbilder, ähnlich wie lyrische Gedichte. 

(...)

Stefanie Endlich

(aus der Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung 2011 in der Galerie Forum Amalienpark)

Wie Welt sich anfühlen kann

Zu den Zeichnungen von Jochen Schneider
 
schschschschschschschschschschschsch
Rauschen.
Sei still jetzt, dann kannst du es hören,
sei jetzt still, dann merkst du auch das Fließen,
Grenzen können durchlässig werden, weißt du nicht mehr?
Nimm dich zusammen,
Konzentration,
wenn du aufmerksam nach innen hörst, ist es dort.
Leises.
rauschschschschschschen
Stilles.
Kratzen vom Bleistift auf Papier.
Gleichmäßiges.
kchchchchchchchchch
Es verlässt dich nicht.
kchchchchchch
Langsames.
Es hört nicht auf.
Fließendes.
Es zieht immer stärker an dir, bis du
kchchchchchchganz voll davon, Grenzen können durchlässig,
du weißt es jetzt wieder,
nur noch darum geht es jetzt,
das Geräusch und du, es saugt dich auf, Bleistiftkratzen auf Papier,
nur Geräusch, Bewegung, rhythmisch,
bis dein Körper langsam ins Papier geschmolzen ist.
Über fließt der Körper ins Papier und drückt dort als Form sich aus. Und zwar als reine Form,
als Form, die keiner Geometrie, keiner Geradlinigkeit mehr gehorchen muss. Ziemlich unförmig geht es zu in Jochen Schneiders Zeichnungen. Oder urwüchsig. Auch unheimlich. Weil so unkonventionell. Weil so schwierig einzuordnen. Weil so eine Nähe ausgeht von ihnen.
Sie rücken regelrecht auf den Leib. Das ist gewollt, denn es geht diesen Arbeiten um Körperlichkeit, um ungezierte, uncodierte Körperlichkeit.
Die Zeichnungen kümmern sich mehr um das Erfassen von Massigkeit – etwa von Ausdehnung im Raum, Gewicht oder Emotion – denn um die Begrenzungen und genauen Proportionen, in denen Körper sich ereignen.
Mit Körper ist nun sowohl der menschliche gemeint, als aber auch all die Dinge der Welt.
Alles, was uns in ihr so begegnet. Das lässt Eindrücke und Abdrücke zurück.
Die Welt der Gegenstände, der Kommunikationen, Begebenheiten, sinnlichen Erfahrungen, Situationen und so fort, hinterlässt Spuren in uns drinnen, die Welt zieht Furchen in uns rein.
Und um diese geht es. Um die Abdrücke der Welt im Ich.
Jochen Schneiders Zeichnungen zeigen, wie Welt sich anfühlen kann, nicht wie sie aussieht.
Nicht Abbild von Wirklichkeit!
Gerade Linien malen kann jeder! Ordentlich und korrekt sein auch!
Stattdessen: Bei Schneider der Versuch, diese Wirklichkeit so nah an sich heran und hinein zu lassen, dass sie im Ich-Filter fast ganz verschwindet, und schlussendlich auf dem Papier nichts mehr von ihr zurück bleibt, denn Impuls, denn Anlass für das Zeichnen selbst zu sein.
Wirklichkeit ist bei Schneider daher immer schon erlebte, angeeignete Welt.
Seine Zeichnungen sind Innenperspektive durch und durch. Das macht sie feindlich und inkommensurabel gegenüber dem Betrachterblick, könnte man meinen. Stimmt aber nicht.
Denn weil bei Schneider vornehmlich über die Sinne Aufgenommenes und gerade nicht psychologische Verworrenheiten zum Ausdruck kommen, und weil seine Formen immer so unbestimmt wie verblasste Erinnerung sind, bleiben sie für ein Gegenüber anschlussfähig.
Das naturwüchsig Sonderbare an diesen Zeichnungen ist somit beides: Ausdruck allernächster Subjektivität und gleichzeitig Angebot, auch Freigabe an den Betrachter zu einer je eigenen Interpretation.
Darin gründet die Offenheit dieser Zeichnungen. Weil sie aber der richtigen Linie, dem korrekten Strich so konsequent abdanken; weil sie es dem Geist verwehren, etwas Eindeutiges in ihnen ausmachen zu können; weil das an Ordnung gewöhnte und ob all der klaren Kategorien phantasielos gewordene Auge auf ihnen so recht eigentlich nichts Richtiges erkennen kann; weil man diese Arbeiten eher erspüren und nicht so sehr verstehen muss – mögen sie für Manchen, nun ja, schwierig sein. Mag das Unprätentiöse an ihnen, ihr fast schon Naives, wie ein Affront gegen das Regelhafte sich ausnehmen. Nur zu! Aber wir wissen es ja besser:
Grenzen können durchlässig werden und die gerade Linie kann jeder.
Leichter und schneller ist der richtige Strich gesetzt, als der, dem erst nachgespürt, für den man erst in die Öffnung sich begeben muss, erst an den Punkt sich bringen muss, da der Körper einfließt ins Papier und den Geist lässt, irgendwo dort, außen vor, wo nur noch Kratzen
vom Bleistift ist auf Papier.
Eintöniges.
Leises.
Langsames.
Rauschen.
 
Konstanze Seifert

Cumulus und Cirrus

(…)

Jochen Schneider entwickelte die Idee des Ausstellungstitels cumulus und cirrus, da er assoziative Bezüge auf Form und Struktur der künstlerischen Arbeiten gegeben sah.

So möchte ich Ihnen gerne einige Details der Wolkenkunde vorstellen und diese für sich sprechen lassen.

Cumulus

Die aus Wasser bestehenden Haufenwolken entstehen oft scheinbar aus dem Nichts, während eines schönen Sommertages und können bei günstigen Bedingungen zu wahren Wolkenmassen anwachsen. Nach außen friedlich wirkend sind sie mit einem stürmischen Innenleben erfüllt. Die darin enthaltenden Kondensationskerne sind kleinste Staubteilchen, bestehend teils aus von Menschen verursachten Schmutz, teils aus Blütenstaub und Salzkristallen, sowie aus Staub, der nach Sandstürmen und Vulkanausbrüchen weltweit verweht wird.

Cirrus 

Die Cirren sind Eiswolken und werden auch Federwolken genannt. Sie haben ein haar ähnliches oder schleierhaftes Aussehen. Sie werden mancherorts Windbäume oder auch Windfahnen genannt. Ihr friedliches Aussehen täuscht, denn ihre Form, die gelegentlich auch Krallen oder Haken zeigt, entsteht durch stürmische Polarwinde, die sie zerzausen.

(…)

Jochen Schneider stellt uns ein Werk vor, das sich innerhalb von Polaritäten wie Geburt und Tod bewegt, still, schwerelos, klar und sich selbstverständlich behauptend. Eine kompromisslose Haltung gegenüber existenziellen Fragen wird deutlich, gestellt mit scheinbarer Leichtigkeit. Das Ringen um Form und Struktur wird spürbar nach vertiefender Betrachtung, unaufdringlich entfaltet sich Würde und Anmut der (…) geistigen Haltungen, die ich Ihnen im Folgenden skizzieren möchte.

Jochen Schneider studierte Kunsterziehung an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein Halle, sowie Ethik an der Martin Luther Universität Halle, bevor er Freie Kunst an der Hochschule für Künste in Bremen bei Prof. Paco Knöller absolvierte und mit einer Meisterschülerauszeichnung 2008 abschloss.

Während seines Ethik Studiums stieß Jochen Schneider auf den schottischen Philosophen und Aufklärer David Hume (18. Jahr.) und dessen erkenntnistheoretischen Gedanken, dass es im menschlichen Geist keinen konstanten Sinneseindruck gebe, der alles zusammenhält, sondern lediglich eine Abfolge von Sinneseindrücken und Ideen. Für David Hume existiert nichts im Verstand, das nicht vorher durch die Sinne hindurchgegangen ist. So folgert er, dass sich alle Ideen, so komplex sie auch sind, letztlich von einfachen Sinneseindrücken herleiten lassen.
Dieser Erkenntnisprozess findet seine Entsprechung in Jochen Schneiders künstlerischer Herangehensweise. Jochen Schneiders Arbeiten haben in der Regel einen gegenständlichen Ausgangspunkt. Das Gesehene muss ihn berühren, sich mit seinen inneren Koordinaten verknüpfen lassen. So wird es innerlich gewendet und gewandelt, bis der Impuls zum Tun entsteht:

„Es bilden sich Reihen von Punkten. Linien ziehen sich über das Blatt und erst nach und nach wecken diese Strukturen Assoziationen in mir und ich beginne, diese mit dem bereits Sichtbaren zu verknüpfen“, so äußert sich Jochen Schneider zu seinem Arbeitsprozess.
Flüchtig, leicht und schwebend bewegen sich zarteste Linien, Energieströmen gleichend, über das Zeichenblatt, begegnen oftmals energischer Strichführung und verdichten sich zu Farbflächen und netzartigen räumlichen Strukturen, wobei sie scheinbar schwerelos existenzielle Räume erschließen.

Verborgene, nie gesehene, aber vielleicht oft gefühlte Welten öffnen sich vor unseren Augen. Ausschnitthafte vegetativ architektonische Gebilde, Wolkenhöhlen, sowie Urlandschaften unseres Planeten werden dem Betrachter vorstellbar, sowie eruptive erdformende Prozesse, wie Vulkanausbrüche und Unwetter ausschnitthaft erfahrbar gemacht.

Ist etwas vorstellbar, ohne es je gesehen zu haben? Kann der Künstler, von konkreten Erfahrungen ausgehend, zu neuen, bisher noch nicht erfahrener Formgestaltung gelangen? Fragen, die sich Jochen Schneider im Sinne von David Humes Erkenntnistheorie innerhalb seines künstlerischen Werkes stellt und zu überzeugenden vielfältigen Wegen in ein sinnliches Bildgeschehen leitet.

Jochen Schneiders neuste Zeichnungen sind von neuen formalen Bewegungen geprägt. Zum einen entsteht in seinen Zeichnungen größere Dichte, die Schwärze der Fläche lässt malerische Qualitäten entstehen, zum anderen werden auf den Blättern größere Freistellen sichtbar, wie Wolkenrisse. Luftigere hellere Arbeiten entstehen. Fragile Bewegung im Tanz der Elemente sowie verschwommene Zeichenspuren tauchen wie Fragmente in den immer weiter vorangetriebenen Reduktionen seiner Formensprache auf, erscheinen wie Zitate seines bereits entstanden Werkes. Auch Parallelen zu elektronenmikroskopischen Aufnahmen zellularer Prozesse, sowie Quer- und Längsschnitte von Muskelfasern und zerfallenen Knochenfasern in Körperinneren sind dem Betrachter vorstellbar.

Auch hier ist Jochen Schneiders bevorzugtes Arbeitsmittel Grafit, als Stift genutzt, mit dem Messer gespitzt. Multimedia des Graphit breitet sich vor uns aus. Dieses einfache Arbeitswerkzeug, das nicht ohne Spuren abzulösen ist, den Arbeitsprozess sichtbar erhält und unkompliziert verschiedene Schwärzen ermöglicht, Flächiges, Verwischtes leicht herstellen lässt, kräftige Linien und zarteste Strichelungen fließend miteinander verbindet, dieses Arbeitswerkzeug ist seine erste Wahl.

Zudem schätzt Jochen Schneider das ruhige Geräusch, das der Grafitstift beim Zeichnen auf Papier verursacht. In seiner akustischen Wahrnehmung verdichtet es sich zu einem gleichmäßigen Rauschen, das seinen ernsthaften konzentrierten Arbeitsprozess unterstützt.
„Die Dinge werden auf das Wesentliche reduziert oder als Detail isoliert. Durch diese Konzentration wird das Gegenständliche umgewandelt und es entstehen neue Bezüge mehr oder weniger abstrakter Art" so äußert sich Jochen Schneider zu einem seiner wesentlichen Arbeitsschritte.
Die Reduktion bestimmt der Künstler, mit seiner Seh-Erfahrung, seiner spezifischen Technik, mit seiner emotionalen Kraft und seiner Fähigkeit, die Dinge von Grund auf neu reifen zu lassen.

Die Reduktion, und das gilt für (beide) Künstler, ist hiermit einer der intelligentesten und auch individuellsten Erfindungen innerhalb der künstlerischen Formensprache, ein neuer Code, den es für uns zu entschlüsseln gilt.

(…) 

Carola Czempik, Bildende Künstlerin, Berlin

(aus der Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung in der Galerie ABAKUS, Berlin)

Urformungen - Erinnerung des Haptischen

Die Faszination des Mediums Zeichnung steht bei Jochen Schneider im Zentrum seines Arbeitens. Linien werden gezogen, es wird gestrichelt, geschwärzt und schraffiert. Der Prozess des Zeichnens entwickelt sich bei ihm zur Methode der Erforschung der Möglichkeiten von Bleistift und Papier. Verdichtete Strukturen entstehen, die so gar nicht skizzenhaft die Materialität des Mediums transzendieren. So erscheinen manche der Zeichnungen wie Applikationen - pelzig und weich - oder glatt wie ein Scherenschnitt „liegen“ sie auf dem oft klinisch weißen Papier. Die bei genauem Hinschauen als einzelne Linien erkennbaren, akribisch genau, fein und dicht gesetzten Striche sind häufig zu isolierten und organischen Formen zusammengezogen.

Jochen Schneider zieht sein Material aus dem Alltag - aus dem, was er erinnert - und bringt es stark abstrahiert und dennoch in distanziert konkreter Form aufs Papier. Nicht die Wirklichkeit selbst, sondern Surrogate abgespeicherter Bilder sind es, die dem Betrachter in seinen Zeichnungen begegnen. Das Abstraktionsvermögen zeichnerischer Mittel, welches schon immer auch andere Ausdrucksformen zulässt, hebt hier die konventionellen Kategorien von Zeichnung, Malerei und Plastik auf. So scheinen viele der Zeichnungen bis ins Extrem körperlich und gleichzeitig entfernt abstrakt. Sie bleiben einer seltsamen Eigendynamik verhaftet, die sich außerhalb eines vom Bildrand erfassten Raumes bewegt.

Es sind jedoch nicht nur Eindrücke aus dem Alltag, die Jochen Schneider in seinen Zeichnungen verarbeitet, sondern vor allem auch das Vokabular von Flora und Fauna. Die „Zustände, in denen sich Formungen befinden“ (Zitat Jochen Schneider) dienen dabei als Grundlage.

Jochen Schneiders Arbeiten erzählen vom Zeichnen als einer der intimsten und emotionalsten Ausdrucksformen, vor allem dort, wo die Weichheit feiner Linien mit harter Graphitschwärze kollidiert. 

Hanna Zinecker, 2006